Die Videoplattform Youtube hat in seinem Blog angekündigt, dass sie Inhalte strikter kontrollieren will. Hierzu hat das zu Google gehörende Unternehmen nach eigener Aussage den Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Moderation der Inhalte schon hochgefahren. Es will die Anzahl der mit Moderation bei Google befassten Personen auf mehr als 10.000 steigern.
Seit Juni hätten menschliche Moderatoren fast zwei Millionen Videos auf der Suche nach „extremistischen Inhalten“ angesehen und dabei die Algorithmen trainiert. In den letzten Wochen habe Youtube dann 150.000 Videos gelöscht sowie Hunderte Accounts und Hunderttausende Kommentare entfernt. Die Unterstützung durch Methoden des Machine Learning ermögliche, dass die Moderatoren fast fünfmal mehr Videos entfernen würden als früher. 98 Prozent aller Videos, die wegen „gewalttätigem Extremismus“ gelöscht würden, hätte der Algorithmus markiert. Dies helfe dem Unternehmen, siebzig Prozent dieser Inhalte innerhalb von acht Stunden nach dem Upload zu löschen, die Hälfte davon schon innerhalb von zwei Stunden. Die eingesetzte künstliche Intelligenz ersetzt nach Aussage von Youtube die Arbeitskraft von 180.000 menschlichen Moderatoren.
Plattformen wie Youtube und Facebook stehen zunehmend im staatlichen Fokus. Die Kritik richtet sich unter anderem gegen die Verbreitung von Fake News, den Umgang mit Hassrede oder maschinell erstellten Videos, welche Kinder verstören könnten. Ein Kernpunkt staatlichen Interesses ist zudem die Bekämpfung von terroristischen Inhalten. So arbeiten die Plattformen in partnerschaftlichen Initiativen wie dem EU Internet Forum oder dem Global Internet Forum mit staatlichen Stellen zusammen. Staatliche Institutionen wie die bei Europol angesiedelte Meldestelle EU IRI nutzen die Community-Richtlinien der Unternehmen, um völlig intransparent Inhalte löschen zu lassen.
In Deutschland sind soziale Netzwerke zudem durch das umstrittene Netzwerkdurchsetzungsgesetz ab Januar verpflichtet, „offensichtlich rechtswidrige Inhalte“ innerhalb von 24 Stunden zu löschen. Die jetzige Initiative von Youtube kann man auch als eine Art vorauseilenden Gehorsam deuten, um eine weitere staatliche Regulierung in anderen Ländern zu vermeiden.
Fehlende Transparenz und fehlbare Algorithmen
In der Ankündigung des Unternehmens heißt es, dass Youtube in Sachen Löschungen und Content-Moderation transparenter werden und einen regelmäßigen Bericht veröffentlichen will. Konkrete Details folgen dem aber nicht. Offen ist insbesondere die Frage, ob die Nutzer darüber informiert werden, dass eine Maschine ihren Inhalt gelöscht hat, und die Frage, wie sich Nutzerinnen und Nutzer gegen die Entscheidungen wehren können. Auch wenn Youtube sagt, dass menschliche Entscheidungen „essenziell“ blieben, bleibt offen, ob es in Zukunft auch alleinige Entscheidungen der Maschinen geben wird. Unklar ist auch, was Youtube genau als „gewalttätigen Extremismus“ und „extremistische Inhalte“ definiert. Amerikanische Bürgerrechtler hatten deswegen schon im vergangenen gefordert, dass die Plattformen verbindliche Standards einhalten, wenn sie löschen. Zu diesen Forderungen zählen Transparenz und Konsistenz der Löschung sowie die Möglichkeit zu einem ordentlichen rechtlichen Verfahren.
Bei der Löschaktion seit Juni waren Tausende Videos verschwunden, die Kriegsverbrechen in Syrien dokumentierten. Darüber berichteten im August mehrere Organisationen, die sich mit der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen befassen. Auch wenn Youtube diese Videos nach Protesten wiederherstellte, macht die zunehmende Löschfreudigkeit deutlich, dass es unabhängige Strukturen mit eigenem Hosting braucht, um nicht der Lösch-Willkür der Plattformen zum Opfer zu fallen.
Im Falle der Kriegsverbrechervideos steht mit SyrianArchive.org glücklicherweise ein von Plattformen unabhängiges Archiv zur Verfügung. Ein Sprecher des Projektes bestätigte gegenüber netzpolitik.org, dass man mehr als 300.000 Videos aus etwa 400 Youtube-Kanälen gespeichert habe. Die Videos sind in einer Datenbank abrufbar und werden nach festen Kriterien verifiziert.
Youtube war in den letzten Tagen auch in Deutschland mit umstrittenen Sperrungen und Beschränkungen gegen Inhalte aufgefallen. So sperrte das Unternehmen vorübergehend den Account des Künstlerkollektivs Zentrum für politische Schönheit (ZPS) und beschränkte später ein Video der Gruppe.
Ruf nach Alternativen
Solche Vorkommnisse werfen Fragen auf, wie Entscheidungen bei Youtube getroffen werden. Sie zeigen, dass sich nur diejenigen effektiv wehren können, die eine mediale Öffentlichkeit gegen Löschaktionen des Unternehmens herstellen können. Ein Sprecher des ZPS wundert sich, wie die Löschentscheidungen zustandekommen. Er vermutet, dass „100 Nazis ausreichen, die ein Video melden, damit die privatisierte Zensurmaschine anläuft.“ Gegenüber netzpolitik.org kündigt die Gruppe an, dass sie in Zukunft Videos selbst hosten will. „Dann entscheiden Gerichte nach Gesetzen über unsere Inhalte und nicht irgendwelche Algorithmen und Moderatoren nach intransparenten Regeln, gegen die man sich nicht wehren kann.“
Die Dominanz der Videoplattformen wird nicht leicht zu brechen sein, da Video-Hosting komplex und datenintensiv ist. Sowohl die Speicherung der Videos als auch der Transfer zum Nutzer benötigen viele Ressourcen. Quelloffene Alternativen wie MediaGoblin fristen daher leider noch ein Nischendasein.
